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Jean Labowsky, erster Stadtdirektor Bad SegebergsJean Labowsky, erster Stadtdirektor Bad SegebergsSpäte Ehrung für Segebergs

ersten Stadtdirektor

Ein Weg für Jean Labowsky

Das Stück zwischen Kurhausstraße und der Jüdischen Gemeinde soll den Namen des einzigen Überlebenden des Nazi-Terrors in Segeberg tragen.

 

Von Heike Linde-Lembke

 

Bad Segeberg - Der Bau des Jüdischen Gemeindezentrums gegenüber dem alten jüdischen Friedhof an der Kurhausstraße wächst rasant. Am 24. Juni soll die Synagoge geweiht werden. Nun beschloss die Segeberger Stadtvertretung auf Vorschlag der Jüdischen Gemeinde Segeberg und des Landesverbandes jüdischer Gemeinden Schleswig-Holstein einstimmig, den kurzen, bisher unbenannten Weg von der Kurhausstraße zum Jüdischen Gemeindezentrum "Jean-Labowsky-Weg" zu nennen.

Jean Labowsky war der einzige Jude, der die Judenvertreibung und -vernichtung in Bad Segeberg überlebte. Er war mit einer Christin, Minna Labowsky, verheiratet und hatte mit ihr zwei Töchter, Alice und Liesl. "Unser Vater wurde verfolgt, und wir wurden verfolgt und verachtet, das war eine sehr böse und schwere Zeit für uns, über die wir gar nicht mehr sprechen und an die wir nicht einmal mehr erinnert werden möchten", sagen die heute über 80 Jahre alten Schwestern übereinstimmend. "Wir freuen uns aber sehr, dass unser Vater jetzt doch noch in Bad Segeberg geehrt und eine Straße nach ihm benannt wird. Das hat er der Jüdischen Gemeinde zu danken", sagen Liesl Schwarz und Alice Hasselberg.

Dank der Treue seiner "arischen" Ehefrau Minna konnte Jean Labowsky überleben. Außerdem ging er mit NS-Kreisleiter Werner Stiehr zusammen in einer Klasse zur Schule. Stiehr sorgte mit NS-Ortsgruppenleiter Otto Gubitz bis 1939 durch Schikanen und Boykotte jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Anwaltskanzleien für ein "judenfreies" Bad Segeberg, veranlasste aber offenbar Gubitz, Labowsky vor dem Zugriff der SA und SS zu verstecken.

"Dafür hat Jean Labowsky den NS-Ortsgruppenleiter Gubitz bei den Nürnberger Prozessen entlastet", sagt Segebergs Heimatforscher Hans Peter Sparr. "Labowsky wurde vom NS-Polizisten Ernst Knees immer dann in ,Schutzhaft' genommen, wenn die SS mal wieder Jagd auf Juden machte", hat Segebergs Heimatforscher Peter Zastrow herausgefunden. Nahm Knees den letzten Segeberger Juden in Haft, verloren die SS-Schergen das Interesse an ihm. Labowsky indes hatte keinerlei Einfluss auf seinen Klassenkameraden Stiehr, um nicht nur sich selbst, sondern auch seine jüdischen Mitbürger retten zu können.

Jean Labowsky belieferte nach dem Tod seines Vaters Adolph 1923 per Fahrrad die um Bad Segeberg ansässigen Bauernhöfe mit Kaffee und Margarine. Nach 1933 arbeitete er in der Rohproduktesammlung von Hugo Behrens, und kam so an Lebensmittelmarken heran, von deren Verteilung Juden ausgeschlossen waren.

Im Oktober 1938 wurde ihm die Ausübung des Wandergewerbes durch den NS-Stadtrat verboten. Heimlich handelte er weiter bis zur Reichspogromnacht am 9. November 1938. Am 12. November wurde Labowsky verhaftet und wurde bis 2. Dezember 1938 im Arbeitslager Eggebek bei Flensburg gesperrt. Zwischenzeitlich versuchten die NS-Schergen, seine Ehefrau Minna zur Scheidung zu zwingen. Doch sie hielt zu ihrem Ehemann, und dank ihrer Treue konnte er die Barbarei überleben.

Die britischen Militärbehörden ernannten Jean Labowsky am 19. Januar 1946 zum Leiter der Stadtverwaltung. So wurde ein Jude nach dem Holocaust der erste Stadtdirektor Segebergs. Am 30. April 1950 gab er das Amt ab. 1964 starb Labowsky als 74-Jähriger in der Kreisstadt. Jetzt setzen ihm die Jüdische Gemeinde Segeberg und die Kreisstadt mit der Namensgebung des Weges zum neuen Jüdischen Zentrum ein Denkmal.

(Foto: Archiv ZASTROW)

(Info: Nachzulesen ist die Geschichte von Jean Labowsky auch im Heimatkundlichen Jahrbuch des Kreises Segeberg (ab Seite 125), im Internet unter der Adresse www.alt-bramstedt.de/Inhalt/NSDAPuKirche/body_nsdapukirche.html und in dem Buch "Menora und Hakenkreuz", erschienen im Wachholtz-Verlag, Neumünster (ab Seite 339).)

 

Fotos von Gesche Cordes:

Die Töchter Jean Labowskys und ihre Familien bei der Namensgebung am 20. Mai 2007Die Töchter Jean Labowskys und ihre Familien bei der Namensgebung am 20. Mai 2007

Enthüllung des neuen StraßenschildesEnthüllung des neuen Straßenschildes

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